5. April

Es muss jeder rechte Mensch in seinem Leben einmal »unter die Übeltäter gerechnet« werden. Wenn das nicht geschieht, ist es kein gutes Zeichen. Hat er dann Gott zum Trost – einen Trost, der unendlich über alles menschliche Urteil hinaus trösten kann – und das gute Gewissen, das aus dem Bewusstsein dieser Hilfe entsteht (ein anderes wahrhaft gutes Gewissen gibt es nicht), dann trägt er das Urteil der Menschen leicht und sieht, dass es in Wirklichkeit lange nicht so schlimm und gefährlich ist wie in der Fantasie.

Dadurch wird er erst ein tapferer Mensch, den Gott in seinen Kriegen brauchen kann. Vorher ist jeder Mensch ein Feigling, der sich fürchtet, Gott beizustehen, wo es gilt.

(aus Carl Hilty: »Für schlaflose Nächte«, Leipzig/Frauenfeld 1908)