28. Juni

Viele nennen „Mystizismus“, was einfach nur Christentum ist. Ein ganz „rationales“ Christentum, das für jedermann verständlich ist, ob er danach frage oder nicht, Sinn dafür besitze oder nicht, gibt es überhaupt nicht. Jeder Versuch, so etwas herzustellen, findet keine Grenzen und endet zuletzt notwendig mit vollem Unglauben an die christliche Wahrheit.

Was der christlichen Religion, wie sie Christus wollte, eigentümlich ist, ist die Verbindung von ganz klarem, nüchternem Menschenverstand ohne alle Schwärmerei mit einem Feinsinn und einer Geeignetheit für die Erfahrung des Übersinnlichen und Unaussprechlichen, die man Mystizismus nennen kann, wenn man will, obwohl die Bezeichnung nicht ganz zutrifft. Diese Kombination bringt es mit sich, dass zahlreiche Abwege bestehen, von denen jeder in seinem weiteren Verlauf zum vollen Gegenteil dessen führen kann, was Christus gewollt hat.

Es wäre schwierig, immer den schmalen, ganz richtigen Weg zu finden, wenn wir nicht einerseits sein sehr anschaulich gezeichnetes Beispiel vor uns hätten, das bereits sehr viele Fragen entscheiden kann, und wir uns nicht andererseits eine Zusicherung, die noch aus dem Alten Bund stammt, aneignen dürften, deren Wahrheit mancher Leser bereits selbst erfahren haben wird:

2 Mos 23 20–22    Jos 21 45    GBG 396    GBG 399    GBG 400

(aus Carl Hilty: »Für schlaflose Nächte«, Leipzig/Frauenfeld 1908)