28. Mai

„Vielleicht wäre es besser, gar keine Religion zu haben als eine äußerliche und gekünstelte, die das Gewissen beruhigt, ohne das Herz zu berühren.“1 Das ist in der Sprache der französischen Revolutionszeit das Gleiche, was Christus schon in seinem härtesten Ausspruch sagt.

Mt 21 31

Die mit sich selbst sehr zufriedenen Besitzer eines bloß äußerlichen Glaubens sind auch heute ein größeres Hindernis des Christentums als die Ungläubigen. Denn unter den letzteren befinden sich sehr viele nach der Wahrheit dürstende Seelen, die bloß von dem Gefäß, in dem sich diese nun einmal historisch befindet, und von dessen Trägern abgeschreckt werden.

Dessen ungeachtet wird man bei näherer Überlegung doch sagen müssen, dass dies alles nur für den einzelnen Menschen gilt. Für große Volksmassen, im Ganzen genommen, ist die Existenz und Praxis eines oberflächlichen Christentums, wie es gegenwärtig durchschnittlich besteht und meistens im Laufe der letzten 1.900 Jahre bestanden hat, immer noch besser, als das, was sonst an seine Stelle treten würde. Auch darüber hat die französische Revolutionszeit eine deutliche Anschauung hinterlassen.

Für die einzelnen Menschen ist oft genug die gewaltsame innere Revolution das Beste — keine neuen Lappen auf das alte Kleid. Für die Gesamtheit, als solche genommen, wird man dagegen mit der Reform stets weiter kommen als mit einem völligen Bruch mit der Vergangenheit. Christus selbst beklagte es seinerzeit, dass es zu dem Bruch kommen musste, nicht ohne Hoffnung, dass dieser einst doch noch geheilt werde.

Mt 23 37–39

Dieser auf den ersten Blick auffallende Widerspruch löst sich dadurch, dass in Wirklichkeit niemals gleich im Ganzen und Großen reformiert wird, sondern immer nur dadurch, dass Einzelne eine bessere Wahrheit, als die zu ihrer Zeit geltende, zuerst deutlich in sich empfinden und dann individuell durch Lehre und Leben zum Ausdruck bringen.

Jes 46 11    Jes 49 1–3    Jer 1 5–10/17–19    Jer 15 19–21    Mt 12 18–21

Diese Menschen sind nach dem Wort Christi »der Sauerteig in den drei Scheffeln Mehl«. Nach Luthers Ausdruck sind es die »Helden und fürtrefflichen Leute, durch welche Gott die Welt regiert.« Selbst den offenbaren Übertreibungen unserer Zeit, der Heldenverehrung Carlyles, dem »Übermenschentum« Nietzsches, dem Bismarck- oder Goethe-Kult in Deutschland, liegt dieser richtige und tröstliche Gedanke zugrunde, dass nicht Volkszahl, Heereskraft oder Reichtum die größte Macht auf Erden sind, sondern die einzelne von Gottes Geist ganz erfüllte Persönlichkeit. Dieser kommt nichts anderes an Wert für ein Land gleich.

(aus Carl Hilty: »Für schlaflose Nächte«, Leipzig/Frauenfeld 1908)


  1. Peut-etre vaudrait-il mieux n’avoir point de religion du tout, que d’en avoir une exterieure et manieree, qui, sans toucher le coeur, rassure la conscience.