18. August

Himmel und Hölle

In dem geistigen Zustand, in dem manche Menschen dieses Leben verlassen, passen sie keinesfalls in einen Himmel, so wie wir ihn uns allein vernünftigerweise vorstellen können: das heißt in eine Gesellschaft von ausschließlich Guten, bei denen keine Verstellung mehr möglich ist. Du kannst dir selbst leicht denken, ob du das sehnlichst wünschst, und so wird auch dein Urteil ausfallen. Es wird sich demnach wahrscheinlich jeder seinen Platz selbst bestimmen.

Ebenso sicher aber — und das ist vielleicht unser wirksamster Trost — passen manche Leute nicht mehr in eine Hölle, das heißt in eine exklusive Gesellschaft von bewusst und reuelos schlechten Menschen, die allem Guten absolut feindlich sind und sich untereinander ebenfalls genau kennen. Schon hier auf Erden halten es solche Leute bei Guten nicht aus; sie meiden ihre Gesellschaft, soviel sie können. Eher würde sich eine Hölle entleeren, wenn ein Mensch dahin gelangte, der dem Guten noch zugeneigt ist, als dass sie bei ihm verbliebe — vorausgesetzt, dass sie ihn nicht mehr zu verführen hoffen kann.

Wenn wir das alles recht bedenken, werden wir über unser künftiges Schicksal ganz im Klaren sein und alle weitere Dogmatik entbehren können.

Dante, Inferno 8 und 9

(aus Carl Hilty: »Für schlaflose Nächte«, Leipzig/Frauenfeld 1908)