7. Januar

Dass man allen Beleidigern verzeihen soll, ist unzweifelhaft. Dieses Gebot wird durch Christus’ Wort und Tat, aber auch durch die Erfahrung bekräftigt, dass nachgetragener Hass am inneren Leben zehrt und dem Menschen, der ihn hat, mehr Schaden zufügt als demjenigen, dem er gilt.

Dennoch ist es mitunter schwer, augenblicklich völlig zu verzeihen. Die halbe, heuchlerische Verzeihung mit Redensarten wie: »Verzeihen kann ich es wohl, vergessen aber nie«, oder »Gott möge dir verzeihen« ist eines edlen Menschen unwürdig und für Gott beleidigend. So etwas nimmt er nicht ruhig hin.

Es ist in solchen Fällen besser, vorläufig wenigstens die Rache aufzugeben und Gott zu überlassen. Der vollzieht sie dann unfehlbar und genau zur richtigen Zeit, soweit Grund dazu vorhanden ist. Dieses Aufgeben bringt der Mensch leichter über sich als das völlige Verzeihen. Die Zeit und die Gnade Gottes mildern dann nach und nach das Gefühl der Kränkung, wenn es nicht mehr durch Vergeltungspläne genährt wird.

Hebr 10 30–31    5 Mos 22 35    Ps 37    Ps 73    Jes 46 11    Jes 49 23    Jes 55 17    Jes 60 14    Jer 11 20

Zanke auch niemals in Gedanken mit jemandem. Das verbittert das Gemüt oft mehr als ein wirklicher Streit und verursacht viel innere Unruhe. Dies gilt besonders bei Menschen, die uns nahestehen, denn »Zürnen mit Geliebten streut Wahnsinn auf den Scheitel«, wie ein semitisches Sprichwort sagt.

Richtet nicht

Lass die Bösen, lass das Zanken.
Lass was dir nicht ist befohlen.
Kennst du Gottes Heilsgedanken,
Wen er noch herum will holen?

Und wenn er sie nicht will retten,
Ist dir nicht genug geschehen?
Tragen sie nicht schwere Ketten,
Die nicht in der Gnade stehen?

Mitten in des Glückes Schimmer
Fühlen sie stets Unglücksbangen;
Über ihrem Haupte immer
Sehen sie ein Richtschwert hangen.

Lass sie ihrem rechten Richter;
Deinen Weg geh‹ ohne Wanken;
Gott ist nicht ein Tagesdichter
Mit alltäglichen Gedanken.

(aus Carl Hilty: »Für schlaflose Nächte«, Leipzig/Frauenfeld 1908)