9. Januar

Das Buch Amos enthält eine sehr gute Erklärung für sehr viele Leiden der Guten, die sonst unerklärlich wären und die manche Leute das Vertrauen in die Gerechtigkeit Gottes verlieren lassen:

Aus allen Geschlechtern auf Erden habe ich allein euch erkannt, darum will ich auch an euch heimsuchen all eure Sünde. (Am 3 2)

»Der Gerechte muss viel leiden, aber der Herr hilft ihm aus allem.« (Ps 34 20) Das ist ein Wort, das schon vor Tausenden von Jahren gesprochen wurde und in aller Kürze beschreibt, auf was sich die Guten dieser Welt einzustellen haben. Sie müssen viel leiden; anders gelangen sie nicht zu der wirklichen Güte, die sie erreichen sollen. Daraus entstehen alle Irrtümer, falschen Wege und wirklich schweren Schicksale der Guten, dass sie diesem Leiden ständig ausweichen und es ebenso gut und leicht haben wollen, wie sie es an manchen Kindern der Welt sehen – oder wenigstens zu sehen meinen. Es ist ein Irrtum, von dem sie sich gänzlich befreien lassen müssen. Viel Leiden, das ist unausweichlich; ergib dich also in dieses Schicksal und fasse dich, so bald und so vollständig als möglich; erst dann bist du auf dem geraden Weg des Fortschritts zum Vollkommenen.

Offb 3 19    Hebr 12 6    Spr 3 12    1 Kor 11 32    Ps 71 20    Ps 73 26    Ps 97 11    Ps 112 7

Der Trost, der unmittelbar danebensteht, ist der, dass Gott solchen willig Leidenden näher ist als allen andern, so dass ihnen nicht nur das Leiden selbst sehr versüßt und erträglich gemacht wird, sondern auch alles einen guten Ausgang nimmt. Ohne diesen Trost würde niemand den »schmalen Weg« gehen können; mit ihm aber sind schon viele in großen Leiden glücklich gewesen.

(aus Carl Hilty: »Für schlaflose Nächte«, Leipzig/Frauenfeld 1908)