19. April

Die feste und eigentliche Grundlage der christlichen Weltanschauung ist die, dass das Böse in der Welt und im einzelnen Menschen rechtlich betrachtet (»de jure«) schon besiegt ist, und dass es sich bloß noch darum handelt, diesen Sieg auch tatsächlich (»de facto«) für den einzelnen Fall geltend zu machen und zu verfolgen. Das ist das, was man das Geheimnis der »Erlösung« nennt, die durch Christus geschehen ist – ein für alle Mal, unzweifelhaft und unwiderruflich für alle, die sich darauf berufen wollen.

Wäre das nicht so, dann könnte man wirklich am Sieg des Guten verzweifeln. So aber ist diese Verzweiflung stets Mangel an persönlichem Mut und, wenn sie zur Richtschnur des Handelns wird, Hochverrat an der Sache der Menschheit.

(aus Carl Hilty: »Für schlaflose Nächte«, Leipzig/Frauenfeld 1908)